Als in der Nacht zum Donnerstag, dem 20. März, die ersten Raketen auf Bagdad niedergehen, die ersten Explosionspilze aufsteigen, da gibt sich die vor Ort anwesende und berichterstattende nicht-amerikanische Weltöffentlichkeit zuerst und allen Ernstes - "überrascht" und "enttäuscht". Hatte Amerika zur Kriegseröffnung nicht Beeindruckenderes, Überzeugenderes angekündigt und versprochen, einen Feldzug zu inszenieren, wie ihn die Welt "wohl noch nie gesehen hat" (Rumsfeld u.a.)? Wo blieb denn der "noch nie da gewesene Massenangriff mit 3000 Raketen" auf die irakische Hauptstadt? Wo blieb es denn, das "Inferno über Bagdad", der versprochene "Vernichtungsschlag"? Stattdessen der "lächerliche" Versuch einer amerikanischen und - wie "wir" im Nachhinein jetzt auf jeden Fall wissen - absehbarerweise zum Scheitern verurteilten "Enthauptung" Saddams; der Mann hat doch sieben Doppelgänger, war das dem CIA vielleicht gar nicht bekannt!
So hatte Amerika am ersten Tag seines Kriegs schon einmal eine Chance verpasst, "uns zu überzeugen". Wovon eigentlich? Dass es seine überwältigende und unwidersprechliche Gewalt zum Einsatz bringt.
Am zweiten Abend seines Kriegs hat Amerika dann das versprochene "Inferno" abgeliefert.
Die Gemeinheit des seither neben dem wirklichen Krieg Tag und Nacht stattfindenden "Kriegs der Bilder", ein "Krieg", der aus dem wirklichen Krieg sein Material macht, besteht gar nicht darin, ob seine "Bilder" nun "echt" oder "erlogen", "authentisch" oder "retuschiert" oder "selektiv" sind. Sein einziger Maßstab und damit auch sein einziges Argument ist der Erfolg der Gewalt. Krieg, das ist für diese Profis der Kriegspropaganda, egal welcher Couleur, der Schauplatz, auf dem sie sich auf die Suche nach der überlegenen, souveränen und in ihrem planmäßigen Stattfinden "sauberen" Gewalt begeben - egal, ob sie für oder gegen diesen US-Krieg sind. Dort, wo sie in ihren Augen "rein" und "ungestört", "zielstrebig" und "präzise" auftritt, dort ist für Kriegsberichterstatter kein weiteres Argument mehr nötig. Da ist Staunen, vorbehaltslose Parteinahme und Bewunderung angesagt. Glücklich deshalb die Kriegspartei, die die "Hyänen der Schlachtfelder" mit solchen Bildern versorgen kann und Amerika lässt sich da nicht lumpen. CNN- und sogar BBC-Kamerateams sind auf jedem Panzer zu Hause und jede Einstellung ist authentisch und farbecht.
Die Welt, die sich von ihrer Ablehnung des amerikanischen Kriegs "trotzdem" nicht abbringen lassen will, hat es dabei nicht leicht. Aber gerade angesichts der "eindrucksvollen Bilder" der Ami-Erfolge - da "jagen die Soldaten Amerikas durch die Wüste wie bei der Rallye Paris- Dakar", endlose Panzerkolonnen donnern als "eine Welle von Stahl" durch die Wüste und bringen den "Feind zur Erstarrung" (SZ, 22.3.03) - gegen die wir "uns zur Wehr setzen müssen" und die wir auf keine Fall "unkritisch auf uns wirken lassen dürfen", wird man ungeheuer produktiv im Erfinden absurdester Urteile über den Kriegsverlauf. Schon dass er immer noch stattfindet, beweist, dass die Überlegenheit der amerikanischen Gewalt so "ungebrochen" auch wieder nicht ist. Auch die technologische Überlegenheit der US-Waffen lässt sich in einen Pferdefuß der US-Kriegsstrategie uminterpretieren: "Statt überwältigender Übermacht gibt es diesmal das Versprechen militärischer Zauberei mit Präzisionslenkwaffen" kritisiert in der SZ als deren Kronzeuge ein amerikanischer Waffenexperte. Und dass "wir" zu Recht nicht an die Erfolgsmeldungen der Supermacht geglaubt haben, das bestätigt "uns" der US-Präsident inzwischen selbst, wenn er dem Volk seinen "zwar siegreichen, aber langandauernden und schwierigen Feldzug" (26.3.2003) prophezeit.
Wenn die USA in ihrem Krieg nicht nur alle notwendigen militärischen Mittel für den Sieg auf dem Schlachtfeld in Anschlag bringen, sondern ihn auch als Anschauungsmaterial ihrer "Stärke" inszenieren, dann tun sie das nicht nur fürs fernsehverwöhnte und "ereignisgeile" Weltpublikum, das sie auf ihre Seite ziehen wollen. Denn Amerika verfolgt mit seinem Krieg eben wirklich mehr als nur die Beseitigung eines störenden Machthabers aus Bagdad.
Mit der Demonstration seiner Macht fordert Amerika vielmehr Gefolgschaft in der gesamten restlichen Staatenwelt ein, die will es nämlich "überzeugen". Davon nämlich, dass es zur Unterordnung und Einordnung unter die Stärke Amerikas für keinen Staat auf der Welt eine Alternative gibt. Und von diesem Gesichtspunkt aus bekommt der Krieg, seine Dauer, seine Wucht, die Leichtigkeit/Schwierigkeit amerikanischen Vormarsches, die Aufgabe gegnerischer Truppen, wie die Gefangennahme eigener Soldaten, kurz: jedes einzelne Moment dieses Kriegs seine eigene Bedeutung. Deshalb kann es Amerika einfach nicht "hinnehmen", wenn es in Gestalt von ein paar verängstigten Kriegsgefangenen vor den "Augen der Welt" von diesem dem Untergang geweihten Regime "gedemütigt" wird. Und alle übrigen Staaten auf der Welt sehen das im übrigen genauso. Sie wünschen sich daher, dass es diesem Saddam gelingen möge, die Supermacht noch eine Weile länger zu "demütigen". Davon erhoffen sie sich nämlich, dass angesichts der doch nicht so vollständig erwiesenen Macht und Herrlichkeit der unbestrittenen Weltmacht ihre Ein- und Unterordnung nicht ganz so umstandslos erfolgen wird.