Sternstunden des bürgerlichen Sachverstandes:

Das letzte Argument zum Lohndrücken -- "Deflation"

Unlängst ist vom Internationalen Währungs­fond (IWF) eine Studie veröffentlicht worden, in der vor der Gefahr einer "Deflation" in der deutschen Wirtschaft gewarnt wird. Dieses "ökonomische Phänomen" besagt, dass Un­ter­nehmer sich wechselseitig durch ihren "Preiskampf" auf "enger werdenden Krisen­märkten" die Profite verhageln und damit dem gesamten nationalen Wirtschafts­wachs­tum schaden.

Solche bösen Unkenrufe konnten natürlich nicht unwidersprochen bleiben: Nikolaus Piper, seines Zeichens Chefökonom der Süddeutschen Zeitung, hat zu seiner gutbezahlten Feder gegriffen und was dabei herausgekommen ist, zeigt, dass mit dem rechten ökonomischen Sachverstand noch jedem Scheiß die Ideologie abzuringen ist, die gerade in die polit-ökonomische Landschaft passt.

Analyseschritt Eins: Der ökonomische Sachverhalt ist eine haltlose IWF-Erfindung ...

"An den Finanzmärkten geht das Gerücht um, amerikanische Regierungskreise spielten gezielt das Thema Deflation in die Öffentlichkeit, um …" "Bemerkenswert ist, dass die Autoren das heikle Wort ‘Deflation’ überhaupt verwenden durften. Und dass sie Deutschland als besonders deflationsgefährdet herausstellen" (alle Zitate, SZ vom 07.06). Die Deflationsgefahr wäre somit schon mal als auswärtiger Komplott entlarvt, ohne dass auch nur ein Wort zur Sache notwendig gewesen wäre. Die Wahrheit liegt folglich im Gegenteil: "Es gibt in Deutschland keine akute Deflationsgefahr."

Soweit, so gut. Nun, sollte man denken, wäre die Sache erledigt. Problem nicht existent, Artikel vorbei: es gibt sie nicht, die "Defla­tion" nicht und auch nicht ihre "Gefahr". Schluss aus. Der Experte hat gesprochen.

Analyseschritt Zwei: ... die als "Wort" in die Welt gesetzt allerdings eine verheerende Wirkung entfaltet ...

Allerdings, Piper wäre eine Fehlbesetzung, wenn er dem nicht existenten Phänomen nicht doch noch einen höheren Sinn ablauschen könnte: "Natürlich ist Deflation ein The­ma", auch wenn sie nicht "akut" ist. Ein hochpolitisches sogar, was sich auch die Bundes­regierung, für die das alles "offiziell kein Thema ist – aber das dürfte Wunschdenken sein", hinter die Ohren schreiben sollte. Denn, was er als ökonomischen Sachverhalt für gar nicht existent erklärt, hat als Produkt polit-ökonomischer Massenpsychose schon größtes Übel angerichtet. ‘Am Anfang war das Wort’, sprach schließlich schon der Herr. Und einmal von einer unverantwortlichen Stelle aus in die leichtgläubige Welt gesetzt, beginnt es zu wirken, das "Wort", das "heikle". Und es frisst sich vor den sehenden Augen des Chefökonomen ins Innenleben gestern noch fröhlich investierender, konsumierender und sich zu Recht unbeschwert verschuldender Bürger: "Börsen­makler, Bank-Volkswirte und einfache Menschen sorgen sich davor und verzichten unter Umständen auf geplante Investitionen." Und so tut das "Wort" seine Wirkung und wird wahr, wie damals in den unseligen 20iger Jahren. Eine selffulfilling prophecy sozusagen. Gott sei Dank gibt es aber in deutschen Redaktions­stuben noch beherzte Leute wie Piper, welche, studiert wie sie sind, sich darauf verstehen, das böse Orakel einer guten Verwendung zuzuführen.

Analyseschritt Drei: ... wenn nicht verantwortliche Hände sich seiner annehmen.

Deflation hin oder her, Probleme gibt’s in Deutschland genug: "Über Deutschlands Pro­bleme gibt es ja im Kern keinen Streit: Es ist seine notorische Wachstumsschwäche." Mit diesem schlich­ten Übergang wendet der Mann von der SZ die Sache dann doch noch zum Guten. Ist das Thema erst einmal auf das rechte Mischungsverhältnis zwischen Vertrauen in und Sorge um die deutsche Wirtschaft heruntergebracht, dann ist dafür das Wort "De­fla­tion" hervorragend geeignet. "Die Defla­tions­debatte lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass die Lage noch wesentlich schlimmer werden kann." So "gelenkt", kann man das Wort "Deflation" nicht nur unbesorgt verwenden, dann muss man es sogar in die derzeitige Lagebe­urteilung der deutschen Wirtschaft mit einfließen lassen: "Um Deflation zu verhindern muss man die Erwartungen der Wirtschaft schnell ins Positive wenden." Und wie das wiederum geht, weiß der Experte aus dem Kanzleramt: "Es kommt (eben) darauf an die Agenda 2010 nicht nur überhaupt, sondern sie auch sehr schnell umzusetzen."

Ja, wenn das so ist!