Was hat die Gewerkschaft an der Agenda 2010 eigentlich auszusetzen?
Die rot-grünen Führer in Berlin stellen ein für alle mal klar, dass der finanzielle Aufwand für "das Soziale" der Nation zu kostspielig ist. Sie beschließen, dass ihr großartiges Gemeinwesen sich die wachsende Armut ihrer Untertanen sehr wohl, deren Finanzierung aber nicht mehr leisten will. Auf wessen Kosten die "Erneuerung unserer Sozialsysteme" geht, steht damit auch schon fest. Diejenigen, von deren Lohn sich der Sozialstaat finanziert, sollen mit ihrem Opfer zur "Rettung unseres Sozialwesens" beitragen. Die Entlastung des Kapitals und die Förderung seines Wachstums sind dementsprechend das einzig adäquate Heilmittel, damit es mit dem Standort Deutschland "wieder aufwärts" gehen kann. Dieses Programm zur Senkung des nationalen Lohnniveaus erklärt der Bundeskanzler für "nicht mehr verhandelbar" und verlangt gerade von den Gewerkschaften, dass sie dem Schaden ihrer Klientel zustimmen, ansonsten würden sie als vaterlandsschädliche "Blockierer" behandelt, auf die man keine Rücksicht mehr nehmen kann.
Wie reagiert der DGB auf dieses für die arbeitende Menschheit so schädliche Programm? Erteilt er ihm eine Absage? Organisiert er womöglich den "Klassenkampf von unten" gegen den von "oben"? Von wegen!
Die Interessenvertretung der Arbeiter und Angestellten teilt den Befund der Regierung. Auch sie ist der Auffassung, dass ein "Umbau unseres Sozialsystems" von Nöten ist. Sie findet es ebenso wie die rot-grünen Machthaber bedenklich, dass "im internationalen Vergleich die Sozialabgaben in Deutschland am höchsten sind ...;" (DGB-Chef Sommer) und erklärt wie die Regierung, dass "die Massenarbeitslosigkeit eine nicht hinnehmbare Belastung für Staat, Gesellschaft und Wirtschaft darstellt" (ebenda). Für die Gewerkschaft steht damit genauso wie für die Chefs der Nation fest, dass "jetzt unbedingter Handlungsbedarf ansteht":
"Wir wollen den Stillstand der deutschen Wirtschaft überwinden und die sozialen Sicherungssysteme zukunftsfest machen. Macht eine Politik, die unser Land moderner, wirtschaftlich erfolgreicher und sozial gerechter macht" (IG-Metall-Vorsitzender Zwickel).
Wer kann solch einem Appell eigentlich widersprechen? Offensichtlich ist auch für den DGB der Erfolg der Wirtschaft und damit der der Nation das unumstößliche Lebensmittel der Arbeiter und Angestellten, gerade wo die ganze Nation keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass der Modernisierungsbedarf des Standorts auf Kosten der Lebensnotwendigkeiten der Leute zu gehen hat. Unverdrossen setzt die Interessensvertretung der "kleinen Leute" die Interessen und Zwecke, die zur Verarmung des arbeitenden Rests geführt haben und die jetzt nach weiteren zukunftsweisenden "radikalen Einschnitten" verlangen, als die vorrangig zu berücksichtigenden und zu fördernden ins Recht. Ja, für die Gewerkschaft sind der Lohn und die Lebensbedürfnisse ihrer Klientel die abhängige Variable davon, was die Gegenseite: nämlich "Staat und Wirtschaft" an (lohnsenkenden) Bedürfnissen für den "Faktor Arbeit" anmelden und vorgeben. Es ist daher kein Wunder, dass es für die deutsche Arbeitervertretung das Normalste von der Welt ist, über die "notwendigen Abstriche am Lebensstandard der Deutschen" (Kanzler Schröder) zu diskutieren. Denn so wie der soziale Laden bis dato organisiert war, ist er auch in den Augen der Gewerkschaft inzwischen ein einziges Hindernis für Wachstum und damit für die Schaffung des höchsten gewerkschaftlichen Guts: nämlich von Arbeitsplätzen.
Und das ist auch genau der Punkt, wo der DGB mit seiner Kritik einhakt, die Konjunktur müsse doch so gefördert werden, dass auch wirklich Arbeitsplätze dabei rauskommen. Deshalb haben die Sozialstaatsexperten des DGB eine eigene und damit in ihren Augen in jedem Fall schonendere, weil gerechtere Reformagenda unter dem Titel: "Mut zum Umsteuern -- für Wachstum, Beschäftigung und soziale Gerechtigkeit" ins Leben gerufen, damit die regierenden Sozialpolitiker endlich auf den wahren gewerkschaftlichen Sachverstand zurückgreifen können:
"Echte Reformagenda statt Sozialabbau, das braucht unser Land. Wie soll auch nur ein einziger Arbeitsplatz geschaffen werden, wenn die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld drastisch gekürzt, die Arbeitslosenhilfe faktisch abgeschafft, der Kündigungsschutz verschlechtert und das Krankengeld privatisiert wird. Der DGB fordert stattdessen wirksame Maßnahmen gegen die Massenarbeitslosigkeit. Dazu müsse die Konjunktur angekurbelt werden." (Zwickel)
Der IG-Metall-Chef bezweifelt so die Zweckmäßigkeit und damit die Erfolgsaussichten der Agenda 2010. Seine Kritik an dem rot-grünen Reformprojekt lebt von der gewerkschaftlichen Einbildung, dass es doch den Regierenden und der von ihnen umhegten Wirtschaft eigentlich um Beschäftigung zu gehen hätte. An diesem von der Gewerkschaft eingeführten Maßstab soll sich dann auch die Regierungs-Agenda als "ein unausgereiftes und undurchdachtes Machwerk" blamieren. "Ausgereift" und "durchdacht" ist es hingegen für den DGB, wenn man das Arbeitslosengeld nicht zu drastisch kürzt, die Arbeitslosenhilfe nicht gleich abschafft und den Kündigungsschutz, mit dem man immerhin 5 Millionen Lohnabhängige entlassen konnte, weiter bestehen lässt.
"Ausgereift" und "durchdacht" ist es auch, was der ökonomische Sachverstand der Gewerkschaft an dringenden Hilfsmaßnahmen für die eigentlich Bedürftigen am Standort parat hat, von deren Geschäftserfolg hier in unserem Lande bekanntlich alles abhängt:
"Wir wollen die Massenarbeitslosigkeit bekämpfen, indem wir die Inlandsnachfrage durch ein Vorziehen der Steuerreform und durch verstärkte Investitionshilfen stärken."(DGB-Chef Sommer)
Die Milliarden Euros, die mittels Steuervergünstigung frei werden, sollen den werten Herrn Konsumenten, dazu befähigen, mehr Geld auszugeben, um die Profite deutscher Unternehmer zu realisieren. Und damit deutsche Kapitalisten endlich mal bereit sind, "Risiko zu tragen", muss man diese natürlich mit "Investitionshilfen" dazu ermutigen, genau so viele Arbeitsplätze zu schaffen, wie sie auch wirklich für ihre Geschäfte benötigen. An Bedingungen soll diese Art von Subventionen für das Wachstum der Wirtschaft nicht geknüpft werden -- das wäre ja ein Angriff auf die Freiheit des kapitalistischen Eigentums! Explizit als Geschenke, kommen diese Vorschläge aus den Chefetagen des DGB daher, weshalb es auch nur recht und billig ist, wenn sich diejenigen, von deren Erfolg in diesem marktwirtschaftlichen Laden alles Leben und Arbeiten abhängig gemacht ist, mit einem symbolischen Obolus an dem nationalen Gemeinschaftswerk zur Abspeckung des nationalen Lohnniveaus beteiligen, so nach dem Motto: Jeder gemäß seinen Mitteln:
"Im Gegensatz zu Schröders Agenda 2010, die die Verlierer der Krise zusätzlich bestraft, wollen wir, dass jeder seinen Beitrag leistet" (DGB-Chef Sommer).
Gegen "Bestrafung", also dagegen, dass die lohnarbeitende Mannschaft für die Krise des Geschäfts durch Verlust ihres Lebensunterhalts haftbar gemacht wird, hat die Gewerkschaft offensichtlich nichts, aber "zusätzlich" darf sie nicht auch noch sein, weshalb sie die Opfer derjenigen, die von den Leistungen des Sozialstaats abhängig sind, ‘belohnen’, also ergänzen will durch Beiträge der "Besserverdienenden". Die Verarmung der Lohnabhängigen wird dadurch zwar nicht weniger, aber zumindest ideell in den höheren Gefilden ihres Gerechtigkeitssinns sollen die "kleinen Leute" so auf ihre Kosten kommen! Weil der DGB davon überzeugt ist, dass die Sanierung der Sozialkassen einzig dem guten Zweck dient, dem Wachstum der deutschen Wirtschaft auf die Sprünge zu helfen, kennt er dafür auch noch andere Ressourcen als den Geldbeutel des kleinen Mannes:
"Die Sozialbeiträge müssen gesenkt werden und die Finanzierungslücke durch Steuern gegenfinanziert werden. Aber unsere Reform-Agenda ist auch ein Umverteilungskonzept, das Gerechtigkeit wieder herstellt. Wir wollen, dass Unternehmen tatsächlich wieder Steuern zahlen, größere Einkommen stärker rangezogen werden zur Finanzierung von Staatsaufgaben und der Faktor Kapital mehr besteuert wird als bisher" (DGB-Vorsitzender Sommer -- Die Welt).
Dieses "aber" -- "die Unternehmen sollen auch ihren Beitrag leisten" --, diese wohlmeinende Bitte an die politischen Herren, macht in den Augen der Gewerkschaft ihre Verarmungs-Agenda so "sozial" und arbeiterverträglich! Darin sieht eine deutsche Arbeitervertretung ihre vornehmste Aufgabe und Existenzberechtigung: Als die effektiveren Sozialstaatssanierer, die es wieder einmal besser wissen als die Eichels und Schmidts, wer noch zusätzlich zur Kasse zu bitten ist, spielen sich Gewerkschafter wie Sommer auf und beanspruchen Gehör. Ja, wenn es darum geht, die deutsche Wirtschaft voranzubringen, dann ist es doch nur mehr als gerecht, wenn die selbstverständlichen Profiteure der "Erneuerung des Sozialstaats" auch ihr Scherflein dazu beitragen; allerdings unter der Voraussetzung, dass es der Gang der Geschäfte auch zulässt. Dieses von der Gewerkschaft verlangte Unternehmeropfer ist schließlich gut angelegt: die "Besteuerung des Faktors Kapital" soll der Staatskasse (wem auch sonst) zu gute kommen, und die stellt sich ja gerade zur Aufgabe den Erfolg der Nation über die Subventionierung ihrer kapitalkräftigen Lieblingsbürger ins Werk zu setzen -- sprich im DGB-Jargon "die Konjunktur anzukurbeln" --, um ihrer vom DGB unterstellten Berufung nachgehen zu können, Arbeitsplätze bereitzustellen. Damit Schröder & Co sich dieses unverbindliche Diskussionsangebot mal genauer anschauen, hat die Gewerkschaft auch noch ein Sonderangebot parat:
"Flächentarifverträge sollen flexibler werden, um sie den veränderten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anzupassen" (DGB -- Mut zum Umsteuern).
Angesichts dessen, dass es "bereits in knapp 30 Prozent aller deutschen Firmen betriebliche Vereinbarungen zur Beschäftigungs- und Standortsicherung gibt" (IGM-Zwickel), will die schwarz-rot-goldene Arbeiterfront noch eins draufgeben: die Löhne der Beschäftigten sollen sich noch mehr dem jeweiligen Geschäftsgang der Betriebe unterwerfen! Lohnsenkung und Flexibilität der Arbeitskräfte als tarifvertragliche Normalität!
Wer kann da was dagegen haben? Politiker und Unternehmer sicher nicht! Aber deshalb gleich den DGB als gleichberechtigten Diskussionspartner mit ins Boot zu nehmen und diesen mitreden zu lassen beim großen Reformwerk des 21.Jahrhunderts -- das kommt für die rotgrünen Machthaber nicht in die Tüte: Schröders "Agenda" verträgt keine gewerkschaftsfreundlichen Beschönigungen. Die Regierung will sich ihr Reformwerk nicht durch eine -- auch nur scheinbare -- Berücksichtigung eines arbeiterfreundlichen Standpunkt verwässern lassen. "Soziale Besitzstände" gehören heutzutage nicht mehr berücksichtigt, sondern bekämpft. Diesem intransigenten Konfrontationskurs von oben setzt der DGB die Beteuerung seiner Wichtigkeit für das Funktionieren des nationalen Ladens und seiner verantwortungsbewussten Bereitschaft zur konstruktiven Diskussion und Mitwirkung entgegen:
"Wir sind bereit zum Dialog, um dieses Land insgesamt nach vorne zu bringen. Deutschland braucht eine nationale Kraftanstrengung, an der sich die Gewerkschaften beteiligen wollen" (DGB-Chef Sommer).
Gerade weil es um das "große Ganze" geht, meint die Gewerkschaft -- darf man sie als eine verantwortungsvolle Kraft, die sich schon immer für den Staat verdient gemacht hat, nicht einfach aus dem nationalen Konsens ausschließen. Der DGB ist da ganz Deutscher Gewerkschaftsbund und will keine Klassen und Gegner mehr kennen, weil es jetzt seiner Meinung nach -- ungeachtet der bestehenden Gegensätze zwischen Politik, Arbeitgeber und Gewerkschaften -- den Schulterschluss dieser wichtigen Kräfte der Republik zu organisieren gilt, damit das liebe Vaterland aus dem Schlamassel gezogen werden kann. Der DGB kann aber machen, was er will. Es hilft ihm nichts, dass er sich patriotischer gibt als die Herren der Republik, seine Mitglieder noch mehr der Verarmung preis gibt und der rot-grünen Regierung untertänigst seine unverbrüchliche Gefolgschaft versichert:
"Die Gewerkschaften wollen keine andere Regierung, wir wollen, dass Rot-Grün auch rot-grün handelt. Trotz des Streits mit der Regierung bestehe derzeit nicht die Gefahr eines Bruchs zwischen den Gewerkschaften und der SPD. Nach einer Phase der Konfrontation folgt nun die Hinwendung zum Dialog" (DGB-Vorsitzender Sommer lt. SZ).
Deutsche Gewerkschaften bewahren offenbar umso unerbittlicher den sozialen Frieden, je offensiver die Gegenseite ihn aufkündigt. Selig, könnte man meinen, eine Republik, die solche Gewerkschaften hat -- nur schade für den DGB, dass selbst die "Hinwendung zum Dialog" ihm nicht die gebührende Anerkennung bei den Herrschenden in Berlin einbringt, weil diese "pures Zu-Kreuze-kriechen" für angesagt halten.
Nur konsequent also, dass IG-Metall-Chef Zwickel und IG-Bau-Chef Wiesehügel inzwischen bekannt geben, dass sie ihre von der Politik und den Medien als "Konfrontationskurs" denunzierte Kritik aufgeben und selbstkritisch werden:
"Wir haben einen Fehler gemacht. Wir können die Partei nicht gegen den Kanzler in Stellung bringen. Das wissen wir jetzt! ...; Es macht wenig Sinn, da jetzt noch ein Nachgefecht zu führen. Im Gespräch müsste es darum gehen, welche Reformen nach den geplanten sozialen Einschnitten anständen -- hier können die Gewerkschaften die Regierung noch beeinflussen."
Auch eine Art, seinen Mitgliedern klar zu machen, dass sich jegliche Sorte von Kritik und Protest gegen die Reform des Sozialstaats nicht lohnt -- und der Arbeitsmann nichts so sehr braucht, wie eine Interessensvertretung, die bei der Regierung gut angeschrieben ist.