Bis gestern stand der Sozialstaat in dem guten Ruf, das
kapitalistische Erwerbsleben und seine Härten für Arbeiter
"sozial verträglich" ausgestaltet zu haben: Dank seiner
"Sicherungssysteme" würden lohnabhängige
Leute, die im Falle von Krankheit, Entlassung und Alter
völlig mittellos dastehen, nicht mehr gänzlich unter die
Räder kommen. Diese Ideologie wird nun langsam aber sicher aus
dem Verkehr gezogen.
Was hat die Gewerkschaft an der Agenda 2010
eigentlich auszusetzen?
Wie reagiert der DGB auf Schröders Agenda 2010, dieses
für die arbeitende Menschheit so schädliche Programm?
Erteilt er ihm eine Absage? Organisiert er womöglich den
"Klassenkampf von unten" gegen den von "oben"?
Von wegen!
Unlängst ist vom Internationalen Währungsfond (IWF)
eine Studie veröffentlicht worden, in der vor der Gefahr einer
"Deflation" in der deutschen Wirtschaft gewarnt
wird. Solche bösen Unkenrufe konnten natürlich nicht
unwidersprochen bleiben.
Mit dem sozialstaatlichen Paradigmenwechsel will der Kanzler und die
von ihm geführte rotgrüne Regierung nicht einfach nur ein
krisenbedingtes Notprogramm auf den Weg bringen. "Wir
organisieren mutig den Aufbruch", verkündet
SPD-Fraktionschef Müntefering und gibt sich deswegen fast
schon dankbar für den heilsamen Zwang der Krise.
Franz Müntefering vertraut der
Leistungsstärke des Sozialsystems:
Fragt sich nur wozu? Gerade dann, wenn das "System"
Sozialstaat von Arbeitslosen, Kranken und Rentnern vermehrt gebraucht
würde, wird seine "Tauglichkeit" daran gemessen,
inwieweit es die bislang üblichen Leistungen für solche
Schicksale nicht erbringt.
Die IG-Metall verarbeitet eine "historische
Niederlage”:
Weil sie sich in der derzeit betriebenen massiven Senkung des
nationalen Lohnniveaus auf keinen Fall als Störung bemerkbar
machen wollte, ist die IG Metall auf die -- man muss es wirklich so
sagen -- "Idee” gekommen, dass es neben der nun
einmal erforderlichen Anpassung aller Lebensumstände an den
nationalen Geschäftserfolg ja noch eine andere
ungelöste Frage und zwar eine nationale Frage gibt.