Wachstum und soziale Sicherheit sind unvereinbar:
Bis gestern stand der Sozialstaat in dem guten Ruf, das kapitalistische Erwerbsleben und seine Härten für Arbeiter "sozial verträglich" ausgestaltet zu haben: Dank seiner "Sicherungssysteme" würden lohnabhängige Leute, die im Falle von Krankheit, Entlassung und Alter völlig mittellos dastehen, nicht mehr gänzlich unter die Räder kommen. Dass sich das in einem System von Lohn, Preis und Profit für die arbeitenden Teile der Bevölkerung nicht von selbst versteht, war die selbstverständliche Grundlage solcher Lobeshymnen. Seitdem hat - nach offizieller Sprachregelung - die freie Marktwirtschaft ihren Schrecken für die arbeitenden "kleinen Leute" verloren, der Interessensgegensatz von "Kapital und Arbeit" gilt als "versöhnt" und der "Klassenkampf" als "überholt". Nur böswilligen Kritikern war es vorbehalten, darauf hinzuweisen, dass die "sozialen Errungenschaften" doch gar nicht das systembedingte Elend und die existentielle Unsicherheit des Lohnarbeiterdaseins aus der kapitalistischen Welt geschafft haben, vielmehr der moderne Sozialstaat mit seinen Umverteilungskunststücken die proletarische Armut und sozialen Nöte auf die ganze, die beschäftigte wie unbeschäftigte, lohnabhängige Klasse verallgemeinert hat.
Heute wollen die einstigen Anhänger und Apologeten einer "sozialen" Marktwirtschaft, allen voran die regierende Sozialdemokratie, am sozialen Gütesiegel der sozialstaatlichen Einrichtungen kaum noch ein gutes Haar lassen: Der Sozialstaat ist in den Verdacht geraten, Ursache dessen zu sein, was er zu bekämpfen vorgibt. Seine Renovierung sieht dementsprechend aus.
Als wollten sie dem alten Marx und seiner so viel gescholtenen "Verelendungstheorie" recht geben, halten Politiker und andere berufene Stimmen "die Stunde der Wahrheit" für gekommen, um endlich mit einem "Irrglauben" aufzuräumen nach dem Motto: Sind wir mal ganz ehrlich "im Land der Lügen!" (Spiegel 21/03). Die "vermeintlichen (!) sozialen Errungenschaften" (?) (ebd.) sind doch bloß ein einziger großangelegter "Kettenbrief". Das Sozialsystem -- eine gigantische "Umverteilungsmaschine, die Jahr für Jahr rund 370 Milliarden Euro bewegt" und doch nur eines produziert: "Die Rente ist unsicher, das Gesundheitssystem marode, die Staatskasse leer, der Arbeitsmarkt trotz Hartz-Gesetzen und Minijobs gelähmt" (Spiegel). Angesichts der "maroden Lage" sieht der Spiegelschreiber seinen alten Verdacht bestätigt, dass all die Zahlungen ans einfache Volk ihren volkswirtschaftlichen Nutzen verfehlt haben, dass es sich also nur um überflüssige "Wohltaten" handeln kann, und schließt daraus messerscharf, dass dies des Guten zuviel ist: "Ein wildwuchernder Sozialstaat, der heute allen alles verspricht" (ebd.). Was da wuchert, sind zwar nicht die sozialen Leistungen, sondern die Bedürftigen, die mit immer schäbigeren Zahlungen abgefunden werden, aber die Lüge vom "Vater Staat, der für alle da ist" und für sozialen Ausgleich sorgt, liefert sowohl den Kritikern des "alten" Sozialstaates wie seinen letzten linken Anhängern die unverzichtbare Grundlage für ihre Reformdiskussion.
Demgegenüber ist festzuhalten: Das Geld, das die Sozialkassen unter das Volk bringen, war nie dafür gedacht, dass die Beglückten davon einfach ein ordentliches Leben bestreiten sollten. Not war nie das Kriterium der Hilfe, und die Not zu beseitigen war nie das Ziel der vielgerühmten Wohlstandsgesellschaft. All das schöne Bruttosozialprodukt darf nämlich nicht einfach genutzt und genossen werden, sondern gehört in die Hände investitionsfreudiger Unternehmer, die es vermehren. Das Volk, das dafür als Arbeitskraft immer noch benötigt wird, taucht in dieser Grundrechnung des Kapitalismus von jeher als leider unumgängliche und möglichst niedrig zu haltende Kost auf. Also handelt es sich nicht um ein Verteilungsproblem, das dem "Schwachen" zuwenig, dem "Starken" zuviel zukommen lässt, so dass der Sozialstaat "solidarisch" ausgleichend umverteilen müsste. Sondern das Prinzip dieser Gesellschaft – der Lohn ist eine Kost, die für den Gewinn zu taugen hat – sorgt dafür, dass die einen überhaupt nur leben können, wenn sie dafür brauchbar sind, dass die anderen sich bereichern. Auf dieser Grundlage, dass der Preis, den die Arbeitgeber für Arbeit zahlen, für ein lebenslanges Lohnarbeiterdasein nicht reicht, wird der Sozialstaat aktiv.
Beim Auf- und Ausbau des "sozialen Netzes" sind verantwortungsbewusste Sozialpolitiker selbstverständlich davon ausgegangen, dass Arbeitslose, Kranke und dienstuntaugliche Alte zu den Segnungen einer florierenden Marktwirtschaft quasi naturnotwendig dazugehören. Entgegen allen anders lautenden Befürchtungen, "dass der Sozialstaat eine Art Fürsorgeanstalt ist, von der jeder meint, dass sie sich selber finanziert" (ARD-Tagesthemenkommentar 1.6.03), lässt der Sozialstaat das dafür nötige soziale Sicherungssystem von den sozialversicherungspflichtig gemachten Lohnabhängigen finanzieren. Den aktiven Lohnarbeitern nimmt er direkt an der "Quelle" knapp die Hälfte ihres Einkommens weg - selbstverständlich in bester fürsorglicher Absicht. Zum Ersten will dafür vorgesorgt sein, dass ein möglicherweise wieder brauchbarer Arbeitsloser dem Arbeitsmarkt frisch und fröhlich zur Verfügung steht und diese Dienste in passender Qualität und Menge angeboten werden. Zum Zweiten soll ihr Lohn nicht nur von einem Tag auf den anderen reichen, sondern ein ganzes Leben lang, also auch für Zeiten, in denen ein Lohnabhängiger mittellos dasteht, weil er nicht mehr gebraucht wird oder einfach verschlissen ist. Dementsprechend wird ein ansehnlicher Lohnteil als "Sozialbeiträge" verstaatlicht und bedarfsweise in Gestalt der heute so gescholtenen "Lohnersatzleistungen" den "anspruchsberechtigten" Sozialfällen zugeteilt und immer dann gekürzt, wenn für eine wachsende Zahl von Arbeitslosen und Sozialfällen ein vermehrter Rückgriff auf die eingezahlten Beiträge notwendig wird.
Auf die Gesamtheit des Systems bezogen heißt das: Mit den Zwangsabzügen vom verdienten Gesamtlohn in der Nation und deren sinnreicher Umverteilung verfertigen die Sozialkassen aus dem "Kostenfaktor Lohn" des unternehmerischen Geschäfts einen Lebensunterhalt für die Gesamtheit der Lohnabhängigen – der dann entsprechend mickrig ausschaut. Dem beschäftigten Teil wird das Bruttoeinkommen sozialpolitisch gekürzt, damit der unbeschäftigte Teil überhaupt eines kriegt. So macht der Sozialstaat die lohnabhängige Klasse insgesamt und auf ihre Kosten dafür haftbar, dass der verdiente Lohn, von dem sie ein Leben lang auskommen sollen, das seiner ökonomischen Natur nach gar nicht hergibt, weil Arbeitgeber ihn ausschließlich fürs lohnende Arbeiten und für sonst gar nichts verausgaben.
Der Sozialstaat verschwendet also nicht Staatsreichtum an seine Klientel, er zwingt sie zur eigenen Vorsorge. Damit ist gesamtgesellschaftlich gewährleistet, dass der von den Arbeitern geschaffene Reichtum mit der Durchfütterung von Arbeitslosen, Kranken und Alten prinzipiell nichts zu schaffen hat, sondern letzteres aus der nationalen Lohnsumme zu bestreiten ist. Die Gesamtkosten für die nationale Arbeitsmannschaft soll nie die Summe überschreiten, welche die Unternehmerschaft als profitable Lohnkosten kalkuliert hat. Gegenüber der inzwischen landläufigen Rede vom "Abbau des Sozialstaats" ist festzuhalten, dass dieses Prinzip des Sozialstaats jetzt überhaupt nicht zur Disposition steht; es ist vielmehr ein Grund dafür, dass Politiker quer durch alle Parteien jede Menge Modernisierungsbedarf für ihre sozialstaatlichen Instrumente entdecken.
Der Kanzler sagt es gerade heraus: Damit es in Deutschland mit dem Kapitalismus "wieder aufwärts" gehen kann, "werden wir uns von manchem, was uns lieb und leider auch zu teuer geworden ist, verabschieden müssen" (Schröder). Den längst überfälligen "Mut zur Veränderung" organisiert ein tatkräftiger nationaler Führer natürlich gleich selbst. Mit einer Reformagenda 2010, die keine "Verwässerung" duldet und nur ein "erster Schritt" sein kann "auf dem Weg zu einem aktivierenden Sozialstaat, dessen Aufgabe es sein muss, Hilfe vor allem in existentiellen Notlagen zu leisten, der aber nicht länger als dauerhafter Ausfallbürge für fehlende Arbeitsplätze und Eigenvorsorge missbraucht werden kann" (Schröder auf dem "Schicksalsparteitag" der SPD zur Reformagenda). Also gilt es, die Arbeitslosen verstärkt zu drangsalieren und ihnen mal "richtig Geld wegzunehmen" (Eichel), die Alten weiter zu verarmen und ihre Rente von "der Nettolohnentwicklung abzukoppeln", die Arbeitnehmer in Sachen Krankheitskosten und Krankengeld mehr "private", also aus ihrem Nettoverdienst zu bewerkstelligende "Eigenverantwortung" leisten zu lassen, und Arbeitgebern das bis gestern so verpönte "hire and fire" zu erleichtern. Dieser traditionsreiche sozialdemokratische "Mut, Neues zu wagen" (Schröder) und all die bislang üblichen Sozialstandards zu kappen, zielt keineswegs nur darauf, das bei den Sozialkassen aus den "Fugen" geratene Verhältnis von steigenden Anforderungen bei gleichzeitig stark sinkenden Einnahmen "kostenneutral" für den notorisch klammen Staatshaushalt wieder zur Deckung zu bringen. Die Reformagenda des Kanzlers für die "Zukunft des Sozialstaats" unter dem freiheitlichen Markenzeichen: "nicht Betreuung, sondern Hilfe zur Selbsthilfe" (Schröder) hat sich vorgenommen, einen prinzipiellen
der Republik durchzusetzen: Nämlich den gezahlten Lohn von der sozialstaatlich ins Werk gesetzten Maßgabe zu entkoppeln, ihn für ein komplettes Lohnarbeitsleben strecken zu wollen. Nur mit einer solchen "strukturellen" Befreiung des Lohns von seiner sozialen "Nebenkost" kriegen Unternehmer demzufolge wieder Lust zu investieren und das höchste soziale Gut, von dem es sich so bequem leben lässt, zu schaffen: Arbeit!
Damit hat sich der Staat weitgehend den Standpunkt seiner Unternehmerschaft zu eigen gemacht: Solche Lohnzahlung ohne lohnende Arbeitsleistung "rechnet" sich nicht und ist so etwas wie ein politisch verfügter, steuerähnlicher Zuschlag zum Lohn, der diesen zu Unrecht in die Höhe treibt. So ziemlich alles, was nicht unmittelbar für die Ableistung der Arbeit ausgezahlt wird, gilt damit ganz prinzipiell als überflüssig. Das ganze soziale Regelwerk, jahrzehntelang fester Bestandteil der Staatsräson, erscheint den Politikern in zunehmendem Maß als bloß noch kostenfressende und nutzlose Abteilung, an der gekürzt werden muss. Die steigenden Kosten sind selbst der Beleg, dass dort das Geld schlecht angelegt ist, werden sie doch von Leuten verursacht, die nicht mehr gebraucht werden.
Dass die Sozialabgaben, die "so unerträglich auf die Löhne und Gehälter drücken" (Schröder), in den letzten 10 Jahren um ein Drittel zugelegt haben und die unproduktive Branche namens Soziales "molochartig" gewachsen ist, verdankt sich dem Umstand, dass die produktiven Abteilungen des nationalen Wirtschaftslebens immer mehr Nachschub liefern an zu betreuenden sozialen Schadensfällen. Die wirklichen Arbeitsplatzbesitzer in den Vorstandsetagen steigern nämlich laufend die Produktivität der benutzten Arbeit und rationalisieren kräftig für ihren weltweiten Konkurrenzkampf. Jede Menge an bezahlter Arbeit – also Arbeitskräfte – haben sie so überflüssig gemacht, um den unternehmerischen Ertrag der "Lohnkosten" zu steigern. Und wenn dieses kapitalistische Wachstum sich bis zur Krise hin akkumuliert, belastet noch einmal ein ordentlicher Schwung ausgestellter Arbeitsleute die Sozialkassen. Und genau diesen unternehmerischen Erfolgen, die Rentabilität der Arbeit herzustellen und kräftig zu steigern, in Gestalt von Millionen überflüssigem und verschlissenem Personal soll man heutzutage entnehmen, dass es diese massenhafte Bedürftigkeit eigentlich nur gibt, weil ein Sozialstaat es auch noch finanziell betreut.
Das ist der neue soziale Konsens in der Republik: das wachsende Elend spricht nicht gegen seine Urheber, geschweige denn für eine Abschaffung, sondern gegen seine weitere sozialstaatliche Betreuung. An der proletarischen Armut stört nicht ihr Umfang, sondern ihre Anspruchsberechtigung auf sozialstaatlichen Unterhalt. Dass Leute ein Minimum an Geld kriegen müssen, weil sie keines verdienen, das lässt der sozialpolitische "Aufbruch" einer Reformagenda 2010 schlicht nicht mehr gelten. Dafür steht die Sichtweise, dass es sich bei dem Lohnteil, den die Sozialkassen akquirieren und umverteilen, um aus dem verdienten Lohn einen Unterhalt für ein komplettes Arbeitsleben herauszuquetschen, im Grunde gar nicht um einen Abzug vom – nach allen Regeln der Rentabilität durchkalkulierten – Lohn, sondern um eine zusätzliche sachfremde, den Unternehmern oktroyierte Lohnnebenkost handele. Dass also "unsere Wirtschaft" nach getaner und bezahlter Ausbeutung, pardon Arbeit, sozialpolitisch dazu gezwungen wird, noch einmal Extra und in wachsendem Maße für etwas zu löhnen, was sie eigentlich gar nichts angeht und was "die Schaffung von Arbeitsplätzen" endgültig ruiniert: das Soziale. Wo der Hebel anzusetzen ist, diese "strukturelle" sozialpolitische Verwerfung zu beheben, liegt damit auf der Hand: Der Sozialkostenanteil im "Kostenfaktor Lohn" muss grundsätzlich "rückgebaut" werden. Und der steht immerhin dafür, dass aus dem Lohn sich ein ganzes Arbeiterleben finanzieren lassen muss. Welcher Arbeitsmann kann schließlich von der Hand in den Mund leben? Das sieht eine rotgrüne Regierung so nicht mehr ein. Die stellt sich auf den neuen sozialpolitischen Grundsatz, dass die Unternehmer am Kapitalstandort Deutschland von dem Anspruch freigemacht werden müssen, einen in dem Sinne ausreichenden nationalen Gesamt-Lohn zu zahlen, aus dem sich sozialstaatlich ein Unterhalt für die gesamte lohnabhängige Klasse, des gebrauchten wie des unnützen Teils, schneidern ließe. Ja, der wahre soziale Dienst, den regierende Sozis den Lohnabhängigen im System kapitalistischer Bereicherung überhaupt noch zugestehen, besteht einzig im Kampf gegen ihre "unerträglich hohen" sozialen Unterhaltskosten, die bloß das segensreiche Arbeitgeben "bremsen". Was ein Arbeitnehmer wirklich braucht, sind keine sozialstaatlichen Leistungen für Notfälle, sondern Arbeit und die soll ein von Sozialkosten befreiter Kapitalismus vermehrt schaffen.
Mit der Reformagenda 2010 kritisieren der Kanzler und seine auf Linie gebrachte Partei ihren traditionsreichen Sozialstaat ganz praktisch darin, dass der mit seiner Umverteilungskunst des verdienten Lohns zwei Dinge miteinander verknüpft hätte, die ein für alle Mal getrennt gehören, wenn es mit dem Wirtschaftswachstum, dem Lebensmittel, auf das die ganze Nation verpflichtet ist, "wieder aufwärts" gehen soll: Lohn für Arbeit und Lebensunterhalt für Arbeiter. Und sie nimmt die Aufgabe in Angriff, Abhilfe zu schaffen und die Sozialausgaben der Nation mit der dazu gestifteten Aufbruchsstimmung: "Es hilft nichts. Es muss gekürzt, gestrichen und draufgezahlt werden" (Ulla Schmidt) so zu organisieren, dass der Preis der Arbeit unter den Wert, nämlich unter die Gesamt-Unterhaltskosten der nationalen Arbeitskraft gedrückt wird. Alles, was dem Profit dient, dient allen, so die neue soziale Leitlinie. So predigen Sozialdemokraten den neuen Realismus, pochen auf die Abhängigkeit der Arbeit vom Kapital und verfertigen daraus ein ultimatives Angebot an ihre Klientel: Nur die radikale Verbilligung der Arbeit, die es den Unternehmern erlauben soll, wieder kräftig Gewinne zu machen, gibt euch Hoffnung wieder gebraucht zu werden – euere eigene Verarmung ist eure letzte Chance!
Dies zu vermitteln und durchzusetzen ist eine schöne Aufgabe für eine moderne Sozialdemokratie. Man ist ganz zuversichtlich, dass darüber "das Ansehen der Partei bald wieder besser werden wird" (Scholz).