Ein gelungener Wiedereinstieg ins militärische
Weltordnen:
Von deutschem Boden geht wieder Krieg aus
Krieg im Namen der Menschenrechte. Für Deutschland genau
der passende Titel, um wieder in der erlauchten Allianz der
kriegberechtigten Weltaufsichtsmächte mitzumischen. Der Krieg,
der von nun an wieder von deutschem Boden ausgeht, ist so gerecht wie
nie: Den Einsatz ihrer Tornados wollen die regierenden und
opponierenden Deutschen nicht einmal als Krieg verstanden wissen.
Wenn die USA irgendwo auf der Welt mit ihren Flugzeugträgern und
Tarnkappenbombern Frieden und Ordnung stiften, sind sie nie
alleine. Die europäischen NATO-Mitglieder mit
Weltordnungsanspruch reihen sich regelmäßig in die jeweils
von Amerika aufgemachte Front gegen einen in ihren Augen zu renitenten
Staat ein; nur so können sie an dem amerikanisch geführten
Weltordnungsregime teilhaben und ihre speziellen Anliegen darin bis zu
einem gewissen Grad zur Geltung bringen. Selbstverständlich ist
es ein 'vitales' Interesse Deutschlands, da kräftig
mitzumischen. Allerdings beschränkte sich die Beteiligung der
europäischen Führungsmacht an der Weltaufsicht bislang auf
diverse logistische Unterstützungsleistungen, die Bereitstellung
von untergeordneten Kontingenten wie Sanitätsbataillone oder
sogar reine Geldzahlungen. Mit dem Jugoslawienkrieg ändert sich
das gründlich.
Die neue menschenrechtliche Legitimation des Kriegführens kommt
gerade den Deutschen in ihren Bemühungen recht, den
Übergang von ihrer betont friedfertigen außenpolitischen
Selbstdarstellung zum kriegerischen Einsatz ihrer Tornados als pure
Konsequenz ihres guten Willens darzustellen. Was eignet sich besser
als ein Krieg im Namen humanitärer Werte, um den Wiedereinstieg
Deutschlands in das militärische Weltordnen als selbstlose Hilfe
für bedrängte Minderheiten, also ganz jenseits jeden
machtpolitischen Eigennutzes darzustellen. Die deutsche Politik macht
damit eine Wendung, welche der Interpretation bedarf: Seit '45
beteuert die Nation, daß sie die friedliebendste, durch eine
leidvolle Geschichte geläuterte Macht auf der Welt ist; noch
während der Kanzlerschaft Kohls galt es als die
größte Selbstverständlichkeit, daß deutsche
Soldaten niemals wieder im Balkan eingreifen dürften. Solche
'Lehren aus der Geschichte' wurden im Brustton tiefster
Überzeugung in alle Welt hinausposaunt. Und jetzt? Jetzt
gebietet die - vom Schröder verbindlich neu
interpretierte - Geschichte das schiere Gegenteil: Die Bundeswehr
muß jetzt jeden Tag ein paar Dutzend Volltreffer im Balkan
landen, damit Deutschland sich nicht wieder - wie Kaiser Wilhelm und
Hitler - einen 'Sonderweg' zuschulden kommen
läßt. "No german Sonderway"
verkündet Außenminister Fischer launig und meint damit,
daß Deutschland ab sofort nie mehr Frieden halten wird, wenn
seine NATO-Partner in den Krieg ziehen. Die Lehre aus zwei verlorenen
Weltkriegen lautet heute nicht mehr "Nie wieder Krieg!",
sondern "Nie wieder Krieg allein gegen den Rest der Welt; Krieg
nur im Bündnis mit den Stärksten":
"Wir
wollen die humanitäre Katastrophe und die schweren und
systematischen Menschenrechtsverletzungen möglichst schnell
beenden. ... Vor dem Hintergrund unserer deutschen Geschichte darf es
an unserer Verläßlichkeit, Entschlossenheit und Festigkeit
keinen Zweifel geben. Wir können uns unserer Verantwortung nicht
entziehen."( Gerhard Schröder, SZ, 16.4.)
Ein gerechter Krieg
Quer durch alle Parteien sind sich die Deutschen einig, daß die
Sache, die jeden Tag mit unzähligen Bomben und Raketen
vorangebracht wird, so fraglos gerecht ist, daß von Krieg
eigentlich nicht die Rede sein kann. Von deutschen Tornados gehen
nicht Krieg und Verwüstung aus, sondern lauter
Menschenrechte:
"Wir führen keinen Krieg, wir leisten Widerstand,
verteidigen Menschenrechte, Freiheit und Demokratie." (Joschka
Fischer, Spiegel, 16/99)
"Nicht die NATO führt
Krieg. Wenn Krieg geführt wird, dann führt ihn Milosevic
gegen seine eigene Bevölkerung. Die Staatengemeinschaft hat sich
entschließen müssen, militärische Mittel einzusetzen,
um dem Grauen und dem Verbrechen Einhalt zu gebieten. ... Mit Krieg
hat das nichts zu tun, sondern mit der Durchsetzung fundamentaler
Menschenrechtsprinzipien." (Wolfgang Schäuble, SZ,
16.4.)
Wenn Milosevic seine Albaner malträtiert, ist das eine Sache;
wenn man diesen helfen will, ist das eine andere. Krieg 'folgt' als
notwendige Konsequenz aus beidem niemals bzw. nur für den, der
dem inkriminierten Potentaten die Macht aus ganz anderen Gründen
bestreiten will. Dann allerdings macht es schon Sinn, die Greueltaten
im Kosovo mit potenzierten Greueltaten in ganz Jugoslawien zu erwidern
und gleichzeitig die täglich demonstrativ bemitleideten
Vertriebenen aus dem Kosovo - denen man aber auf keinem Fall in
Deutschland mit auch nur einem Bruchteil dessen, was die Tornados
verpulvern, helfen 'kann' - kostengünstig und unter elendsten
Bedingungen in benachbarten Staaten zum Rückmarsch nach der
Kapitulation Milosevics bereitzuhalten.
Freie deutsche Berichterstatter werden nicht müde, diese 'Logik'
tagtäglich mit Schreckensbildern und -kommentaren aus den
Flüchtlingslagern und stimmungsvollen Aufnahmen aus den
NATO-Basen - wo jeder ganz brav seinen 'Job' verrichtet - zu
illustrieren, bis jeder weiß: Wenn deutsche Tornados halbe
Stadtviertel flachlegen, dann ist das eine "unausweichliche
Reaktion" auf die Missetaten eines Verbrechers und dient der
Schaffung menschenwürdiger Verhältnisse auf dem
Balkan. Wenn aber Milosevic sich um den Bestand seiner Nation
Sorgen und alle Menschen mit albanischer Zunge für die
NATO-Angriffe haftbar macht und entsprechend brutal verfolgt, dann
führt ihn die hiesige Politpsychologie als Verrückten, der
nur noch Mord und Totschlag im Sinn hat. Klar: So einer ist
vogelfrei; das Zielschießen auf ihn hat ja bereits
begonnen.
In der Behauptung, es handele sich bei der Intervention in
Jugoslawien nicht um einen Krieg, steckt aber noch ein
imperialistischer Anspruch, der es in sich hat: Ganz
selbstverständlich wird hier von der grundsätzlichen
Einteilung der Staaten in solche mit Lizenz zum Weltordnen einerseits
und in solche mit der Pflicht zum Unterordnen andererseits
ausgegangen. Außenpolitik gilt in dieser Weltanschauung
längst als eine Art Weltinnenpolitik, in der die
Vereinigten Staaten als 'Weltpolizist' und in ihrem Gefolge die
europäischen Weltaufseher die restlichen - nur
eingeschränkt souveränen - Staaten hinsichtlich ihres guten
Betragens beaufsichtigen. Warum also sollte man bei allfälligen
'Ordnungsmaßnahmen', auch wenn noch so viele Tonnen Bomben
abgeworfen, noch so viele Leichen fällig und noch so große
Landstriche verwüstet werden, überhaupt von Krieg sprechen,
der doch zwei - wenigstens formell - gleichberechtigte Souveräne
als Kontrahenten voraussetzt. Da ist die Rede von Ordnungsstiftung
mit dem 'Einsatz militärischer Mittel' viel passender und
verleiht den täglich live übertragenen Gewaltorgien den
Charakter einer grenzüberschreitenden Polizeiaktion zur
Verbrechensbekämpfung und einen so menschenfreundlichen Sinn,
daß sie getrost auch 'unseren Kleinen' im Vorabendprogramm
vorgeführt werden dürfen.
Deutsche Sorgen der höheren Art
Wenn Deutschland mit diesem Krieg den Übergang macht, sein
nationales Interesse an weltpolitischer Kompetenz als Teilhabe an der
amerikanisch dominierten Weltaufsicht von nun an auch mit dem Einsatz
kriegerischer Mittel zu verfolgen, dann bekommen deutsche
Verantwortungsträger regelmäßig Probleme damit,
daß sie bei der Ordnungspolitik - noch dazu, wenn diese vor
'unserer Haustür', d.h. im deutschen Hinterhof, stattfindet -
nicht einmal die zweite Geige spielen. Die Frage, ob der Einsatz
deutscher Tornados und deutscher Soldaten sich auch rentiert in
dem Sinn, daß er das deutsche Gewicht beim Ordnungsstiften
gebührend zur Geltung bringt, bestimmt die Diskussion um den
ersten deutschen Kriegseinsatz. Als europäische
Führungsmacht steht der Bundesrepublik schließlich ein
respektabler Status als Ordnungsmacht in Südosteuropa zu. Also
versuchen Fischer & Co. mit eigenen Initiativen, wie etwa den nach
ihm benannten Fischer-Plan zur Wiederaufnahme erpresserischer
Verhandlungen mit dem Feind, mit eigenen diplomatischen
Aktivitäten wie etwa den speziellen Kanälen nach Moskau und
vor allem der Absage an den (jetzigen!) Einsatz von Bodentruppen - so
gut es eben geht - mit der amerikanischen Führungsmacht um die
gültige Definition der fälligen Maßnahmen zu
konkurrieren. Darüber hinaus profiliert sich Fischer schon jetzt
mit Plänen für die Nachkriegszeit, in denen er ganz
selbstverständlich davon ausgeht, daß die Staaten, die
jetzt alles tun, um ganz Jugoslawien zu verwüsten, auch für
den jahrzehntelangen Wiederaufbau zuständig sind, welcher dann
natürlich nach ihrer Fasson stattzufinden
hat. Selbstverständlich läuft das dann schon wieder unter
dem Titel 'Hilfe'. Da rechnet sich der Minister für Deutschland
als stärkster ökonomischer Macht vor Ort bessere Chancen
für eine Führungsrolle aus.
Solange aber Krieg herrscht, bleiben die USA kraft ihres haushoch
überlegenen militärischen Potentials federführend. Ein
aus deutscher bzw. europäischer Sicht bleibender Grund zur
Unzufriedenheit. So kann es gar nicht ausbleiben, daß
nationalverantwortliche Gemüter den Verdacht hegen, daß
der deutsche Part in der NATO doch bloß eine Unterordnung unter
das amerikanische Weltregime ist. Verteidigungsminister
a.D. Rühe kritisiert eine "Überanpassung der
Bundesregierung" , die sich Außenminister Fischer
nicht nachsagen lassen will, wenn er mit seinem Spruch: "Wer
die NATO zerstören will, muß sie
überfordern" dezent auf den begrenzten deutschen Willen
zum Mitmachen aufmerksam macht.
Den aber setzt es nach Kräften ein: Mit seinem kriegerischen
Doppelbeschluß - Militäraktion ja, Eroberungsfeldzug, nein
- nimmt Deutschland in und zu seinem Kriegsbündnis eine sehr
anspruchsvolle Stellung ein. Mit seiner dezidierten Absage an den
Bodenkrieg bremst es nämlich nicht den Krieg, sondern
forciert ihn in Form des Luftkriegs. Die Bundesregierung drängt
darauf, daß die NATO an ihrer Strategie der Zerstörung
Jugoslawiens als Zwangsmittel gegen Milosevic unerbittlich
festhält und ihren verheerenden Bombenkrieg über Wochen
kontinuierlich steigert, bis der Feind
kapituliert. Härter als selbst die USA, die diese Strategie
erfunden haben und in die Tat umsetzen, besteht sie auf einer
Kriegspraxis nach dem Ideal eines verlustfrei von oben herab
geführten imperialistischen Ordnungs- und Bestrafungskriegs im
Unterschied zu einer traditionellen Bodenoperation.
Darüber hinaus etabliert sich Deutschland nicht ohne Erfolg als
Schaltzentrale aller europäisch-transatlantischen
Bündnisentscheidungen, sorgt für die Geschlossenheit der
europäischen Kriegsteilnehmer und hält den
Unsicherheitsfaktor Rußland geschickt bei Laune. So gewinnt
Deutschland trotz seines relativ geringen Kriegsbeitrags eine
wichtige, eigenständige und anerkannte Rolle im
Kriegsbündnis. Das macht den Außenminister zum beliebtesten
Mann Deutschlands.
Die Eigenständigkeit des deutschen Imperialismus beton Fischer
auch anläßlich des gerade erlassenen 'Neuen strategischen
Konzepts' der NATO. Im klaren Unterschied zu Clinton und Solana
interpretiert er es dahingehend, daß es "keine
Gefolgschaft für eine global ausgreifende Hegemonialpolitik der
NATO" gäbe. Ebenso Oppositionsführer
Schäuble:
"Es darf keine unkontrollierte Eskalationsautomatik
geben. Es muß in jedem Stadium glasklar sein, wofür die
deutschen Soldaten eingesetzt werden. Es darf keine schleichende
Ausweitung ihres Auftrags geben. ... Für die CDU ist die
Loyalität zur NATO Bestandteil ihrer Staatsräson;
Loyalität heißt aber nicht blinde Gefolgschaft, sondern
Partnerschaft und die erlaubt nicht nur, sondern fordert sogar einen
eigenen Standpunkt." (SZ, 27.4.99)
Die Sorge um das deutsche Gewicht beim Kriegführen ist also die
einzige kritische Stellungnahme, die von offizieller Seite zu haben
ist. Und die bleibt sehr verhalten, weil Regierung wie Opposition
wissen, daß das Gewicht Deutschlands in der Kriegsallianz nur
durch einen Beitrag zu ihr vergrößert werden kann. Die
Bündnistreue Deutschlands steht deswegen für alle
Verantwortungsträger an höchster Stelle, ebenso wie die
Entschlossenheit, bis zum Endsieg in Jugoslawien durchzuhalten.
Opposition in Kriegszeiten
Weil Kritik in Kriegszeiten immer gleich als so etwas ähnliches
wie Verrat gilt, hat die Opposition das Opponieren in dem Sinn,
daß die rot/grüne Kriegführung deutsche Interessen
nicht oder viel zu lasch vertreten würde, gar nicht erst
angefangen. Mit Nörgeleien an einer Regierung, die die schwere
Last der Verantwortung für deutsche Kriegseinsätze zu tragen
hat, kann man keine patriotischen Pluspunkte sammeln. Es bleibt
politischen Exoten vorbehalten, jetzt schon aus ihrer Sorge für
den weltpolitischen Rang der Nation heraus Bedenken an der
amerikanischen Neudefinition des gerechten Krieges anzumelden und
davor zu warnen, daß sich Deutschland dem so ohne Weiteres
anschließt bzw. unterordnet. Der nicht mehr in der Verantwortung
stehende Altbundeskanzler Helmut Schmidt kritisiert, ebenso wie
Grünen-Außenseiter Ströbele, eine leichtfertige
Aufgabe von Völkerrechtspositionen. Nicht etwa, weil sie sich an
der unwirschen Behandlung Jugoslawiens stören, sondern weil sie
darin eine Aufgabe von völkerrechtlichen Machtpositionen sehen,
die gerade zweitrangigen Weltaufsehern wie den europäischen
Staaten nützen:
"Gegängelt von den USA haben
wir das internationale Recht und die Charta der Vereinten Nationen
mißachtet. Es ist ein Fehler, einer Supermacht zu folgen, die
meint, es sei in ihrem Interesse, auf aller Welt den Frieden zu
erhalten, in Bagdad und in Belgrad." (Helmut Schmidt, SZ,
3.4.99)
"Mußte man sich den Forderungen der UCK und denen der USA
so weit unterwerfen, daß man über andere
Möglichkeiten wie etwa über die Stationierung einer
Friedenstruppe unter UNO-Mandat überhaupt nicht mehr diskutiert
hat?" (Christian Ströbele Bundestagsrede, 26.3.99)
Die einzige Partei, die ihre Gegnerschaft gegen jede deutsche
Kriegsbeteiligung offen erklärt, ist die PDS. Sie wird wegen
dieses Verrats an der deutschen Einheitsfront so fundamental
verteufelt, daß kaum einer bemerken will, wie sehr es auch ihr
um ein gebührendes Gewicht Deutschlands in der Welt geht. Wenn
Gregor Gysi eine zu kurzsichtige Aufgabe von
Völkerrechtspositionen kritisiert, auf die gerade die
europäischen Sicherheitsratsmitglieder - und damit Europa
überhaupt - ihre weltpolitische Sonderstellung begründen,
dann sorgt er sich eben auch als guter Deutscher um den
weltpolitischen Rang Europas. Wenn er darauf hinweist, daß die
Aufweichung des Völkerrechts zu einer allgemeinen
Destabilisierung der Welt führen könnte, dann nimmt er nicht
Partei für Milosevic oder für den Kommunismus, wie ihm
allenthalben vorgeworfen wird, sondern für den Status quo des
Imperialismus:
"Wenn Sie das Vetorecht Rußlands
und Chinas aushebeln, dann hat auch das von Frankreich und
Großbritannien in anderen Situationen keinen Wert mehr. Sie
geben doch die UN-Charta nicht nur für die NATO frei, die Sie
davon abkoppeln, sondern praktisch für alle Kontinente. Das ist
das Problem. Es geht doch nicht nur um kurzsichtige Folgen, sondern
auch um Spätfolgen, die man mitzubedenken hat." (Gregor
Gysi, Bundestagsrede, 25.3.99)
Eine wahrlich konstruktive Kritik am deutschen Imperialismus.