Alle paar Jahre wieder: Eine Schuldeninitiative von IWF und
Weltbank
Kleine Geschenke erhalten die Abhängigkeit
Umschuldungsaktionen werden fällig, wenn die
Schuldnerländer nicht einmal mehr die Zinsen für ihre
Schuldenberge zahlen können. Die Wiederherstellung ,normaler'
Kreditverhältnisse verhindert den überfälligen
Staatsbankrott, rettet die reduzierte Schuldensumme als Guthaben der
Gläubigerländer, befähig und verpflichtet die
Schuldnerländer zur weiteren Kreditbedienung, nützt die
etablierte Zinsknechtschaft zur totalen Herrichtung dieser Länder
zu billigen Rohstofflieferanten des Imperialismus aus und - was das
schönste ist - überhöht die imperialistische Zurichtung
der betroffenen Länder zu einem Akt selbstloser
Humanität.
"Der gemeinsame Entwicklungsausschuß des
Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank hat der
multilateralen Schuldeninitiative einstimmig zugestimmt. Sie soll bis
zu 20 der ärmsten Entwicklungsländer zu einem weitreichenden
Schuldenabbau und zur Sanierung der Wirtschaft verhelfen. Der Pariser
Club der Gläubigerländer will Schulden bis zu 80%
streichen. Der erforderliche Anfangsbetrag für das
Entschuldungspogramm wird mit 500 Millionen $ beziffert. Die
Bereitstellung von weiteren 1,5 Milliarden aus Weltbankgewinnen wird
empfohlen. Die 20 ärmsten, zumeist afrikanischen Länder,
haben allerdings Auslandsschulden von insgesamt mehr als 122
Milliarden $."
(E+Z, Entwicklung und Zusammenarbeit,
11/96)
Zunächst: Schuldenstreichen gehört zum Bankgeschäft wie
das Einstreichen von Zinsen. Wo statt der anvisierten Gewinne sich ein
Bankrott einstellt, müssen die dafür gewährten Kredite
abgeschrieben werden. Die Deutsche Bank redet in diesem Zusammenhang
mit demonstrativer Gelassenheit von ,Peanuts'.
Im internationalen Kreditwesen erfährt diese
bankmäßige Selbstverständlichkeit allerdings eine
beachtliche Modifikation. Die in die fürsorgliche Ägide von
IWF und Weltbank geratenen "ärmsten Länder"
sind bankrott, sollen bzw. dürfen aber nicht bankrott
gehen. Daß die genannten 122 Milliarden $ niemals
zurückgezahlt werden können, ist jedem Beteiligten seit
langem glasklar; das Debakel der Schuldnerländer ist jedoch
kein Grund, die Schulden zu annullieren. Die Finanzminister
und Nationalbankdirektoren der Geberländer brauchen sich wegen
des Verlusts ihrer Kredite aber keine grauen Haare wachsen zu lassen;
die unwiederbringlichen Milliarden sind nämlich exakt so
bestens angelegt: Das penible Fortschreiben unwiederbringlicher
Kredite hält den Anspruch und das Recht auf die
regelmäßige Bedienung der Zinsen aufrecht - zahlbar
selbstverständlich in per Export verdienter harter
Währung. Die Zinszahlungen der schlimmsten Armenhäuser der
Welt werden so zu deren größten Haushaltsposten. Die
gesamte Wirtschaft dieser Staaten ist auf Dauer verpfändet und
das macht den Weg frei zu ihrer dauerhaften Ausbeutung als billige
Rohstofflieferanten - ganze Weltgegenden sind längst auf den
bedingungslosen Verkauf aller Güter angewiesen, für die auf
dem Weltmarkt ein paar Devisen zu bekommen sind - und sorgt
gleichzeitig dafür, daß der Strom des Zinsflusses in die
Heimatländer des Kapitalismus nicht versiegt.
Weil die mit diesen Krediten beglückten Staaten trotz aller
Anstrengungen nicht einmal mehr zur Bedienung der Zinsen
fähig sind, weil sie - wie es im Fachjargon heißt -
überschuldet sind, reduziert man jetzt die Hauptsumme
ihrer aufgelaufenen Schuldenberge um Beträge, die im
Verhältnis zum Gesamtvolumen nur als lächerlich zu
bezeichnen sind. Zweck des Manövers: Der Schein eines ganz
normalen Kreditverhältnisses mit diesen Länder soll
aufrechterhalten bzw. wiederhergestellt werden - als ob ein Kredit,
der aus politischer Berechnung zur Erhaltung der Staatlichkeit
und Benutzbarkeit dieser Länder vergeben wird, sich im
geschäftlichen Sinn rentieren könnte; als ob mit den
eingefahrenen Gewinnen jemals reguläre Zinszahlungen oder gar
eine Tilgung zu erwarten wäre. Für diese Fiktion werden die
Schulden so nach unten korrigiert, daß wieder ein ,tragbares'
Niveau der Verschuldung hergestellt ist, d.h. die Zinsen mit
den vorhandenen Exporterlösen wieder halbwegs gezahlt
werden können. Das müssen sie dann aber auch; so
wird die Zinsknechtschaft der mit Umschuldungsmaßnahmen
beglückten Länder perpetuiert.
Absehbarerweise wird aber auch die reduzierte Zinslast die
Finanzkraft der Schuldnerländer übersteigen. Macht aber
nichts: Die säumigen Zahlungen werden einfach wieder als
Außenstände zu den bereits aufgelaufenen Schulden
hinzuaddiert, bis man sie in den nächsten
Umschuldungsverhandlungen als Erpressungsmittel gut gebrauchen
kann. Dieses Verfahren hat dem IWF inzwischen quasi den Status einer
Art Planungsbehörde für Schwarzafrika verliehen, die
über Kreditvergabe oder -verweigerung entscheidet und von den
Regierungen immer wieder aufs neue "einschneidende
Maßnahmen" und "Strukturanpassungen"
verlangt. Das garantiert, daß sich die beglückten
Länder in die richtige, d.h. exportfähige Richtung
"entwickeln". Unser Mann für Afrika paßt sehr
genau auf, daß die kreditierten Satrapen ihr Geld
auftragsgemäß ,investieren' und ihren praktisch
enteigneten Laden auf die Bedürfnisse der Gläubiger
einstellen:
"Bei den Entschuldungshilfen müsse darauf
geachtet werden, daß daraus 'kein Freibrief für
wirtschaftspolitisches Fehlverhalten' abgeleitet werde,
erklärte der Entwicklungsminister. Eine Demotivation der
Länder mit erfolgreichen Reformanstrengungen müsse vermieden
werden. ... Das Entwicklungshilfeministerium hatte schon im Vorfeld
Bedenken gegen die Entschuldung von Zaire, Sambia, Ruanda,
Burundi, Niger und des Sudans geäußert, vor allem wegen der
z.Z. noch fehlenden Reformen und des Mangels an
Rechtsstaatlichkeit in diesen Ländern. ... Die Erklärung
'Partnerschaft für dauerhaftes Wachstum in der Welt' betont die
Notwendigkeit einer soliden Geld- und Fiskalpolitik, von
Strukturreformen und einer 'guten
Regierungsführung'." (ebda.)
So geht die alltägliche Erpressung und Zurichtung der Dritten
Welt per Kredit und Entwicklungshilfe. Sie sichert die weitere
Dienstbarkeit dieser Länder für die Geschäftsinteressen
der großen Kapitale genauso wie die Beteiligung der Banken an
den Exporterlösen per Zins.
Und das Schönste dabei: Die auf Dauer eingerichtete
Zinsknechtschaft erscheint als großzügige Hilfe der
reichen Nationen. "Transferleistungen von Nord nach
Süd" ist der Fachausdruck für solche Danaergeschenke,
die dann großspurig in den Zeitungen bekannt gemacht werden und
noch jede Hausfrau die Hände über den Kopf zusammenschlagen
läßt über das ,Faß ohne Boden', das ,wir' ,da
unten' unablässig füttern.
Die christlich oder humanistisch orientierten Hilfswerke der Ersten
Welt haben die Neuregelung der Finanzverhältnisse enthusiastisch
als "historischen Durchbruch"
begrüßt. Der Bedarf an jeder Menge Almosen und
Gottvertrauen bei den "Ärmsten unseres Planeten" ist
jedenfalls bestens gesichert.