"Rosa Luxemburg: Reform oder Revolution" - Sozialismus als Weltanschauung

Es ist schon etwas seltsam: Die Überschrift "Warum Sozialismus", zu finden auf der homepage des Sozialistischen Forums Dorfen, lässt ein paar Argumente erwarten, die einem erklären warum dieser totgesagte und angestaubte politische Standpunkt mitten im blühenden Kapitalismus anno 2008 immer noch aktuell ist. Stattdessen beruft man sich auf Rosa Luxemburg als unwidersprechliche Autorität der Arbeiterbewegung mit einem Zitat, das einem ein methodisches Gerüst vorgibt, mit dem man Kapitalismus kritisieren soll:

Warum Sozialismus?
"Die wissenschaftliche Begründung des Sozialismus stützt sich nämlich bekanntermaßen auf drei Ergebnisse der kapitalistischen Entwicklung: vor allem auf die wachsende Anarchie der kapitalistischen Wirtschaft, die ihren Untergang zu unvermeidlichem Ergebnis macht, zweitens auf die fortschreitende Vergesellschaftung des Produktionsprozesses, die die positiven Ansätze der künftigen sozialen Ordnung schafft, und drittens auf die wachsende Organisation und Klassenerkenntnis des Proletariats, das den aktiven Faktor der bevorstehenden Umwälzung bildet
."
Rosa Luxemburg, Reform oder Revolution

Dazu ein paar Thesen:

1. Wenn sich Wissenschaft im rationellen Sinne überhaupt auf irgendetwas "stützt" dann bestenfalls auf bereits bestehende Erkenntnisse die sie mal hervorgebracht hat - dabei bezeichnet "stützen" lediglich die Banalität dass es praktisch ist, auf bestehende Resultate zurückgreifen zu können wenn man theoretisch weiterkommen will. Rationell betriebene Wissenschaft kann deshalb auch darauf verzichten, diese Banalität extra zu unterstreichen, einen gesonderten Ausweis ihrer Tauglichkeit abseits der Stichhaltigkeit ihrer Analysen hat sie nun mal nicht nötig.
So kann das also nicht gemeint sein, wenn Rosa Luxemburg es für nötig hält, vor jeglichem Argument Stützpfeiler ihrer Wissenschaft anzuführen. Das hat schon eher damit zu tun dass sie ein Vorurteil über den Kapitalismus hat, das keiner wissenschaftlichen Erkenntnis entspringt, dieser vielmehr vorausgeht: Nämlich dass er nichts taugt und auch nicht klappen kann (Weiteres dazu s.u.). Das kommt ziemlich unbegründet daher, soll eher eine Denkanleitung darstellen nach der man sich die Gesellschaft zurechtlegen soll. Weil Luxemburg eben nicht Wissenschaft machen will, sondern ihre Parteilichkeit gegen den Laden überhöhen und ins Recht setzen will drückt sie dieser das Gütesiegel "wissenschaftlich" auf und verweist auf "Ergebnisse der kapitalistischen Entwicklung" die ihren moralischen Standpunkt unwidersprechlich legitimieren sollen.
Von der Wissenschaft bleibt dann nichts mehr übrig als ein hoher Titel für die eigenen Vor-Urteile die als wissenschaftliche Erkenntnisse daherkommen und eine Denkmethode nach der man sich als Leitfaden der Gesellschaftsanalyse zu richten hat - also so ziemlich das Gegenteil von Wissenschaft.

2. Wissenschaft ist die unvoreingenommene, objektive Betrachtung eines Gegenstands. Sie erschließt das Wesen der untersuchten Sache und erklärt somit ihren Zweck und Grund. Die wissenschaftliche Befassung mit dem Kapitalismus erklärt die systemnotwendige Schädigung der Leute die den ganzen kapitalistischen Reichtum schaffen, deshalb ist seine Erklärung gleichzeitig seine Kritik.
Etwas ganz Anderes ist es, an die kapitalistische Produktionsweise heranzugehen mit der Fragestellung ob sie geht oder nicht. Dann begibt man sich auf die Ebene der Spekulation und Prognose und schließt sich dabei einer von vielen Varianten die es dazu gibt an, also Alles zwischen einer sicheren Untergangsprognose und der ewigen Unausweichlichkeit dieser Wirtschaftsweise. Dann liefert man den Leuten aber auch kein Argument mehr, sich gegen die herrschenden Zustände aufzulehnen, sondern stellt ihnen trotz oder gerade wegen der ganzen Misere ein letztliches "happy end" in Aussicht auf das sie hoffen dürfen.
Es ist außerdem eine eigenartige Art der Kritik, einer kritisierten Sache vorzuwerfen, sie funktioniere nicht: Als linker Kritiker stört man sich doch gerade daran, was da alles funktioniert im Kapitalismus: Von der Ausbeutung der Arbeiter, der gewaltsamen Unterwerfung der Menschen als Manövriermasse staatlicher Zwecke, bis zur ruinösen Behandlung von Land und Leuten unter dem Gesichtspunkt kapitalistischer Gewinnmaximierung: An all dem stört einen doch gerade dass es funktioniert. Wenn man das alles lediglich betrachtet unter dem Gesichtspunkt, es könne auf Dauer sowieso nicht gut gehen macht man sich ziemlich argumentationslos gegenüber einer Klassengesellschaft du nicht erst seit Luxemburgs Zeiten funktioniert dass es kracht.

3. Wenn der Untergang wirklich unvermeidlich wäre dann wäre sozialistische Agitation eh überflüssig. Es ist ein seltsamer Widerspruch linker Politik, die Leute überzeugen zu wollen ausgerechnet mit dem Argument, dass eh alles früher oder später den Bach runter geht. Schließlich würde das ja nur dafür sprechen einfach abzuwarten bis es von allein passiert.
Man will sie aber doch gerade aufwiegeln, sie mit stichhaltigen Argumenten davon überzeugen, ihre Angepasstheit an Zustände die ihnen schaden aufzugeben und dieser Gesellschaftsordnung so ihre materielle Basis zu entziehen. Diesem Zweck widerspricht es, den notwendigen Zusammenbruch zu verkünden.

4. Wenn man dieses teleologische Denken konsequent durchzieht, landet man am Ende noch dabei, dem Kapitalismus, den man ja eigentlich loswerden will, seine positiven Seiten abzugewinnen: Da wird dann die "fortschreitende Vergesellschaftung des Produktionsprozesses" zu einem "positiven Ansatz" - wozu auch immer, auf jeden Fall hin zu den eigenen Idealen.
Als Beispiele führt Rosa Luxemburg so unterschiedliche Dinge wie Kredite, Gewerkschaften und den Ausbau von Verkehrsmitteln an und dichtet ihnen unter der Abstraktion "Vergesellschaftung" einen in ihnen angelegten Übergang zu einem geradezu entgegengesetzten Zweck der Gesellschaft an. Auf den Gedanken dass lauter solche zur kapitalistischen Produktion passende Dinge dieser letztlich entgegenwirken sollen kommt man überhaupt nur wenn man mit dem Ideal eines unausweichlichen Zusammenbruchs auf die Gesellschaft losgeht und in ihr konsequent überall Anzeichen dafür entdeckt. Damit macht man sich - ob gewollt oder nicht - zum Idealisten dieser Wirtschaftsordnung, indem man ganz willkürlich bestimmte Erscheinungsweisen als Anfang vom Ende begrüßt, anstatt sie sich zu erklären und als notwendigen Bestandteil dieser Ordnung zu kritisieren.

5. Auch von einer "wachsenden Klassenerkenntnis des Proletariats" ist offensichtlich weit und breit nichts zu sehen - für linke Kritiker umso mehr Grund Argumente unter die Leute zu bringen, weil man darum weiß dass mit ihrem Mitmachen der Erfolg der eigenen Sache steht und fällt. Deshalb befasst man sich mit den falschen Vorstellungen der Leute über Staat, Kapital und die Zwecke auf die sie verpflichtet werden, kritisiert diese - und begibt sich damit notwendigerweise in einen Gegensatz zum Adressaten, den es auszutragen gilt. Dass der Erfolg dabei immerzu ausbleibt ist zwar traurig aber noch lange kein Grund dafür irgendeine umstürzlerische Erkenntnis quasi von alleine wachsen zu sehen - für die muss man schon was tun.