Die Analyse des GegenStandpunkt Verlags in Radio Lora München vom 27. Oktober 2008
Das Amt des Präsidenten der Vereinigten
Staaten von Amerika:
A Licence To Kill!
Wie & wozu die US-Bürger unter Anteilnahme der ganzen freien Welt einen Führer aussuchen und auch noch frei(willig) wählen
Wenn die Prätendenten auf die Position des Führers im Weißen
Haus nur noch mit sich selber als gelungener Persönlichkeit werben, dann
ist die demokratische Willensbildung mittels Wahlkampf mit ihrem Begriff identisch
geworden: Verlangt wird ein Blankoscheck zur Machtausübung wegen unbedingtem
Vertrauen in die Führungsqualität des damit betrauten. Eigenartigerweise
präsentieren sich da Charaktermasken, mit denen der gewöhnliche
Mensch im richtigen Leben den Kontakt eher meiden würde: Angeber mit
in diesem Fall nicht stinkendem Eigenlob! Der eine verbreitet Heldensagen
aus seiner mörderischen Jugend im freiwilligen Einsatz beim Zurückbomben
Vietnams in die Steinzeit, wobei er abgeschossen und von den Opfern als Kriegsverbrecher
behandelt wurde, wofür ihn seine Fans bis heute als American Hero verehren.
Der andere ist stolz auf seine steile Karriere durch die Institutionen trotz
Migrationshintergrund, bei der er ebenso behände die Gesinnungen anpasste
wie er dem mittlerweile störenden Personal in seiner Biographie die Freundschaft
aufkündigt. Vor solchen Typen liegt das Publikum platt vor Bewunderung,
wobei es ihnen nicht einmal jedes Wort glauben muss: Der Witz demokratischen
Wählens liegt nämlich gerade darin, dass der Wähler und seine
journalistischen Wahlhelfer vor allem beurteilen, wer es am geschicktesten
beherrscht, sich selbst als die gelungenste Inkarnation seines staatsbürgerlichen
Bedürfnisses nach starker Führung zu inszenieren. Und da die Politik
bekanntlich kein Deckchenstricken ist, erwartet der auf- und abgeklärte
Wähler vom Herrscher seiner Wahl, dass er auch die Drecksarbeit besser
beherrscht als die Konkurrenten.
Die sogenannten Sachfragen, aktuell die Weltwirtschaftskrise, das Gesundheitswesen,
Energie und Umwelt dienen bei der Auseinandersetzung um die Gunst des Wählers
als Illustrationsmaterial, dass auf alle Drangsale, die dem Bürger in
seinem zivilen Leben nicht zuletzt auch "sein" Staat bereitet, ein
kompetenter Führer die passende politische Antwort parat hat. Dabei findet
ganz selbstverständlich die Verwandlung des persönlichen Interesses
in eine Problemlage des Gemeinwesens statt, die zum Wohle der Nation gelöst
werden muss, wobei jede Menge Opfer des Normalverbrauchers eingefordert werden
müssen, weil es ihm letztendlich erst dann gut gehen kann, wenn sein
Land topfit und Weltspitze ist.
So reagieren die Kandidaten auf den Kollaps des Kredits und die Wertvernichtung
an der Börse zwar mit ausführlichen Mahnungen, dass das "Versagen"
von Wall Street unweigerlich seine negativen Auswirkungen auf Main Street
haben wird, um sich dann mitten im Wahlkampfgetöber für den 700-Milliarden-Topf
starkzumachen, mit dem der Kapitalismus in den USA aus dem Schneider kommen
soll. Eben haben sich große Teile des Finanzkapitals als faule Schulden
blamiert, doch auf seine Unverzichtbarkeit für den Reichtum der Nation
lassen die Anwärter auf die Präsidentschaft nichts kommen und setzen
auf die einzige Bonität, die sie als politisches Subjekt der Ökonomie
anbieten können: Das Gewaltpotential der Macht. Zur Übereinstimmung
im Prinzip - wenn das Kapital Vertrauen = Kredit vergeigt, muss die Politik
mit Staatsknete den vernichteten realen Reichtum ersetzen und damit bei den
Bankern wieder Vertrauen stiften, damit wieder business as usual einkehrt
- gehört die Parteienkonkurrenz im Detail: Obama will die Hypotheken
auslösen und behauptet mit dieser berechnenden Verwechslung der Materie
der Finanzkrise mit den Sorgen der Häuslebauer, das Übel am Ursprung
anzupacken. McCain als "Wertkonservativer" wartet mit dem moralökonomischen
Theorem auf, die "Habsucht" in Washington und Wallstreet habe die
Krise trotz seiner "unerschrockenen" Mahnungen losgetreten und fordert
die Ächtung von greed (deutsch: Habgier) beim Profitmachen und mehr responsibility
bei den "Verantwortungsträgern", womit er sich dann wieder
mit Obama in der kompromißlosen Forderung nach einer Beschränkung
der Managereinkommen vor allem bei Mißerfolg einig wird.
Auch die Rezepte der amerikanischen Reserveführer in den anderen nationalen
Sachfragen stehen fest auf dem Boden des American way of Capitalism: Beide
beklagen "die Abhängigkeit der USA vom Erdöl", aber keineswegs
deswegen, weil sie sich sorgen würden um die Begrenztheit und die naturzerstörerischen
Konsequenzen der kapitalistischen Nutzung fossiler Brennstoffe: Vielmehr wollen
sie neben Solar- und Windanlagen vor allem viele neue todsichere Atomkraftwerke
bauen und die letzten nationalen Ressourcen vor den Meeresküsten und
notfalls auch in Nationalparks und Naturschutzgebieten anbohren, weil das
"Problem" für die Nation darin besteht, dass "wir"
für "unser" Öl viel zu viel Geld an Staaten verschleudern,
die "uns nicht mögen" und deren Volksmassen "unsere Ideale
hassen" . Im Feindbild einig denken da Obama und McCain an die üblichen
Verdächtigen vom Iran über die arabische Welt bis nach Venezuela.
Wenn nicht nur die, sondern vor allem auch Russland auf dem Petroleum sitzen
bleiben, fördere das auch "unsere nationale Sicherheit", weil
nicht mehr die Weltmacht, sondern ausschließlich ihre vermeintlichen
und realen Gegner in der Staatenwelt erpressbar sind. Mit einer in 4 Fernsehdebatten
immer wieder vorgetragenen Milchmädchenrechnung bringen die Kandidaten
ihre heiligen Eide, keinesfalls für niemanden Steuern zu erhöhen,
sondern sie für möglichst viele der eigenen Wählerklientel
möglichst zu senken, mit ihren Reformversprechen budgetmäßig
zur Deckung: McCain möchte schon nach 4 Jahren die meisten Petrodollar
in die USA recycled haben und Obama träumt von der Repatriierung jener
"500 Milliarden Dollar", die China an US-Schuldentitel hält
mittels Export der unter seiner leadership aufblühenden Technologie alternativer
Energiegewinnung, die in den USA "5 Millionen jobs" kreieren und
im Reich der Mitte den "Schadstoffaustoß" drastisch reduzieren
werde. Damit rechnen sich die brain trusts der Kandidaten genügend Geld
zusammen, um das Gesundheitswesen zu subventionieren und das Ausbildungswesen
gründlich zu reformieren, worauf beide Kandidaten besonderen Wert legen:
Für McCain hat die Schule nämlich keine geringere Mission als schon
die ganz kleinen Amerikaner für ihr "manifest destiny", also
ihren Auftrag vom Schicksal fit zu machen, "die Welt zu führen".
Und Obama erklärt die Überlegenheit der USA in Sachen Bildung gar
zu einem "Problem der nationalen Sicherheit": Davon soll die ökonomische
Potenz der Gesellschaft abhängen, und "es nie eine Nation"
gegeben hätte, "deren Wirtschaft darnieder lag und die trotzdem
ihre militärische Vorherrschaft aufrecht erhalten konnte." So geht
in der mächtigsten Demokratie auf der Welt der Übergang von miesen
Zuständen an den Schulen für arme Leute zur Weltherrschaft der Nation!
In der entscheidenden außenpolitischen Sachfrage, dem "Krieg gegen
den Terrorismus", besprechen beide Kandidaten den Anspruch der USA auf
uneingeschränkte Weltherrschaft als Naturrecht, wofür sie auch jederzeit
bereit zum Krieg sind. Gerade ihre Entschlossenheit gegeben falls "unsere
besten Söhne und Töchter" "ins Feuer zu schicken"
und die Beteuerung ihrer Berufung zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte
präsentiert dem Wähler seine Stimme als eine "Lizenz zum Töten".
Obama verspricht seinem Volk den Kopf von Osama (wörtlich: "We will
kill him!) auch wenn er dafür einen Krieg gegen Pakistan anzetteln muss
und McCain zählt immer wieder alle Militäraktionen der USA auf,
bei denen er "die Ehre" hatte, wenn schon nicht persönlich
dabei, so zumindest entschieden dafür gewesen zu sein. Auf dieser Basis
wird um den sachgerechten Kriegsschauplatz debattiert: Obama wirft dem Irak-Feldzug
der Bush-Administration die vorprogrammierte Erfolglosigkeit vor und die "hohen
Kosten" an Dollars und amerikanischen Toten. Stattdessen möchte
er in Afghanistan militärisch bis zum letzten Taliban eskalieren. McCain
will das auch, aber unbedingt vorher noch im Irak "gewinnen", damit
die GIs "in Würde" nachhause kommen. Bei so souveräner
Entscheidungshoheit über Länder und darin lebende Völker, die
das Pech haben, die "Sicherheitslage" der USA zu tangieren, kann
es niemanden überraschen, dass die Atompolitik des Iran in Washington
entschieden wird, so der anscheinend selbstverständliche Konsens der
Rivalen um die Macht im Weißen Haus. Offensichtlich können sie
auf die Zustimmung ihrer Wähler zu einer "Analyse" der Weltlage
bauen, der zufolge Atombomben im Besitz der USA und Alliierter wie Israel
"Peacemaker" sind, in Russland und China ein Problem für die
uneingeschränkte Weltkontrollmacht Amerikas darstellen und im Falle der
Islamischen Republik einen Waffengang "unvermeidlich" machen. Im
Wahlkampf haben die Kandidaten zwecks Profilierung eine Differenz aufgebaut:
Obama würde mit der Führung in Teheran noch persönlich reden,
eher er den Angriffsbefehl erteilt, wenn sie nicht spurt.
Amerikanische Politiker sind sich mit ihrem Volk, das aus vielen durch die
gewonnenen Kriege und erfolgreichen Schlächtereien in ihrem Wahn bestärkten
Patrioten besteht, einig darin, alles, was auf dem Globus passiert, unter
dem Gesichtspunkt zu be- und gegebenenfalls zu verurteilen, ob es für
die USA (= "The Greatest Nation on Earth") gut oder schlecht ist.
In diesem Prinzip unterscheiden sich Angela Merkel und Frank Walter Steinmaier
nicht von den Herren Bush, McCain und Obama. Die Weltmacht der USA bewährt
sich aber in der praktischen Durchsetzung dieses Standpunkts. Drohung mit
und Ankündigung von Gewalt, also Krieg, gehören deshalb zum Repertoire
politischer Vertrauensbildung in den Vereinigten Staaten von Nordamerika;
offene Kriegshetze und die glaubhafte Bereitschaft zum Töten & Zerstören
bebildern Charakterstärke und Führungsqualität eines Typen,
der (zu allem) fähig ist als Commander-In-Chief der Nation.
Erstaunlich, wie nachgerade das Fußvolk in den europäischen Demokratien
auf den US-amerikanischen Wahlzirkus und vor allem auf den demoskopisch in
Führung liegenden Kandidaten der Demokratischen Partei abfährt.
So einen Führer wollen wir auch haben! souffliert die freie Journaille
ganz unpluralistisch den einheimischen Volksmassen, die den charismatischen
Senator aus dem fernen Illinois mit ihren nationalen Teiggesichtern vergleichen
und allen Ernstes wähnen, mit einer deutschen Inkarnation des Change-Rhetorikers
wären sie besser bedient, d.h. geführt. Die Bewunderung für
den Erfolg der patriotischen Massenbegeisterung mit ihrem rituellen Schlachtruf
"Yes, we can!" wird andererseits mit kritischen Kommentaren europäischen
Sachverstands unterlegt, die jenseits des Atlantik die Wahrheit der Demokratie
entdecken ("Es geht nur um die persönliche Vertrauenswürdigkeit
der Kandidaten!") und daran erinnern, dass im Zeitalter der "Globalisierung"
in der Staatenwelt des demokratischen Imperialismus die Konkurrenz um Weltordnungskompetenz
tobt und dass darin die USA der Hauptkontrahent sind. Ein mächtiger US-Präsident
wird Europa womöglich ganz anders triezen, als die noch amtierende lame
duck Bush im Weißen Haus.